Akademie

der Älteren Generation Achern

Es gibt Geschichten, auf die wir beim Lesen oder Hören in Bezug auf menschliche Verhaltensweisen aufmerksam werden sollen. Durch den Vergleich mit unterschiedlichen, teils gegensätzlichen Verhaltensmustern ist der/die Lesende bzw. der/die Hörende geneigt, über den Inhalt nachzudenken, für sich selbst moralisch zu werten und sich für eine der beiden oder mehrere Seiten positiv zu entscheiden. Solch eine Geschichte für den 14. März fand sich in einem Geschichtenbuch für das ganze Jahr vom Herausgeberpaar Barbara und Hans Hug, erschienen im Kreuz-Verlag Stuttgart, 1992.

 

Ein Kalenderblatt, nicht nur zur Fastenzeit

Die Hölle war überfüllt und noch immer stand eine lange Schlange am Eingang. Schließlich musste sich der Teufel selbst herausbegeben, um die Bewerber fortzuschicken.

„Ein einziger Platz ist noch frei. Den muss der ärgste Sünder bekommen“, rief er. „Ist unter euch vielleicht ein Mörder?“

Hölle

Er hörte sich die Verfehlungen der Anstehenden an. Schließlich sah er einen, den er noch nicht befragt hatte.

„Und was hast Du getan?“ fragte er ihn.

„Nichts. Ich bin ein guter Mensch und nur aus Versehen hier!“

„Nur aus Versehen? Aber Du musst doch etwas getan haben! Jeder Mensch stellt etwas an.“

„Das weiß ich wohl“ sagte der Mann, der ganz von sich überzeugt war, „aber ich habe mich aus allem herausgehalten. Ich sah, wie Menschen ihre Mitmenschen verfolgten, aber ich beteiligte mich nie. Sie haben Kinder hungern und sie arbeiten lassen; sie haben die Schwachen ausgenutzt und von ihren Übeltaten jeder Art profitiert. Ich allein widerstand fest der Versuchung, etwas dagegen zu unternehmen und tat nichts.“

„Absolut nichts?“ fragte der Teufel ungläubig nach. „Bist Du völlig sicher, dass Du das alles gesehen hast?“

„Jawohl, sogar vor meiner eigenen Tür habe ich das erlebt!“

„Und du hast wirklich nichts getan“, versicherte sich der Teufel.

„Nein, wirklich nicht!“

Da näherte sich der Teufel und mit einer einladenden Geste deutete er auf den

einzigen Platz: „Komm herein, mein Sohn. Dieser Platz gehört Dir!“

 

                                                                                                      (Nach Calderon)

 

 

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